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"Da cha sech üsereis nümme apassä"

von Claude Settele für 'Die Region

 

Als ich mich am Telefon mit meinem Namen meldete, begrüsste er mich mit: „Tschau Seppeli, wie goht‘s“. Nachdem ich meinen Namen ein paarmal durchbuchstabiert hatte, und er merkte, dass wir uns nicht kennen, änderte indes an seinem Umgangston nur wenig. Das „Du“ behielt er bei und lud mich für Montag auf einen Besuch. In Arth solle ich einfach fragen, da könne mir jeder sagen, wo der Rees Gwerder wohne.

Der Mann, der von sich da in dritter Person sprach, wohnt hoch ober dem Zugersee im unteren Stock eines Bauernhauses. Jetzt, wo er mit seinen 72 Jahren schon längst AHV-Bezüger ist und den kleinen Landwirtschaftsbetrieb seiner Tochter übergeben hat, lebt Rees Gwerder mit seiner Frau auf dem Gängigerberg, der Westseite des Rossbergmassivs. Da sie kein Fahrzeug besitzen und der Fussmarsch für sie zu anstrengend ist, sind sie vom Leben im Dorf recht abgeschnitten. Nun, Arth am See ist eigentlich auch nicht mehr das Dorf, wie es Gwerder in den letzten Jahrzehnten gekannt hat. „Nei, nei im Dorf unne stinkts ond surrts, da cha sech üsereis nümme apassä“. Er beklagt den Bau vieler neuer Blöcke, die gar manches Heimetli zerstört haben. Und als Fussgänger sei man überdies auch nichts als ein Verkehrshindernis.

Stube und Studio

Von Gwerders Heimetli, das wie ein Adlerhorst im steilen Gelände klebt, eröffnet sich ein Rundblick bis zum „Dreiländereck“ an der Halbinsel des Chiemens, und weiter ins sanfte Hügelland dahinter. Wie Gwerder auf seinem Hocker vor dem Haus über den See schaut, erweckt er den Eindruck des Abgeklärten, der sich dank seiner Weitsichtigkeit nicht um das Gesurr und Gekläff im Tal unten kümmert. Die letzten drei Wochen war er nicht mehr in Arth, „warum auch“, meint er. Er, der in seinem Leben nur einmal in den Ferien war, und da auch prompt krank wurde, fühlt sich auf dem Berg wohl, da kann ihn kaum etwas weglocken.

Wer nun glaubt, Rees Gwerder wäre sein ganzes Leben auf dem Heimetli gehockt, der staunt vielleicht, wenn er hört, dass der kurlige Bauer auch mit  dem Scheinwerferlicht der Fernsehstudios und dem Mikrophonwald eines modernen Tonstudios vertraut ist. Mit seinem Schwyzerörgeli das er von Kindsbeinen an spielt, hat sich Rees Gwerder über regionale Grenzen hinaus einen Namen gemacht. „Meinen Namen kennt man auf der ganzen Welt“, sagt er und lehnt sich zufrieden zurück.

Acht Singles und sechs Langspielplatten hat das Original Schwyzerörgeli-Trio Gwerder bis heute bespielt. Erst vor wenigen Wochen noch war das Trio Gast in der volkstümlichen Fernsehsendung „Bodeschtändigi Choscht“, wo es Gwerders neusten Tanz zum besten gab. “Min 70. Geburtstag“ heisst das Stück, das sich Gwerder selbst zum Geburtstagsgeschenk gemacht hat, und das kürzlich auf einer Sammelplatte mit verschiedenen Interpreten herausgegeben wurde. Rees Gwerder gilt als einer der besten Interpreten von Innerschweizer Tänzen. Unzählige davon hat er neu arrangiert und sie mit seiner „fägigen Spielweise“, wie Kenner sagen, eindrücklich geprägt.

Rückzug zum Lehrer

In der länglichen Küche mit der tiefen Decke stehen zwei Kochherde. Der Holzkochherd bietet etwas fürs Auge, der mit den Elektroplatten lässt sich bequem bedienen. Als Zeichen verschiedener Epochen markieren sie den Gang der Zeit, der hier erst zaghaft eingeleitet worden ist. Über dem Küchentisch hängt eine Bierreklame. Beim näheren Hinsehen erkenne ich einen Rees Gwerder in jüngeren Jahren mit einem Schwyzerörgeli auf den Knien. „Es get zwoi Sache, do stohni druuf: S Tanzbei schwinge ond es Feldschlössli trenke!“ lautet der Werbespruch.

Heute spielt Rees Gwerder nur noch selten öffentlich, etwa noch an Vereinsabenden und Hochzeiten. Die vielen Engagements, das Reisen und stundenlange Spielen sind ihm zu anstrengend geworden. Seit er im AHV-Alter ist, hat er sich mehr aufs Unterrichtgeben verlegt. Über dreissig Schüler wollen mehr oder weniger regelmässig vom Meister persönlich lernen, wie man sich durch die vielen Knöpfchen drückt und im rechten Moment stösst und zieht. Unter ihnen ist auch sein Grossenkel. Nicht ohne Stolz erzählt Gwerder, wie er dem vierjährigen Buben schon zwölf Tänze beigebracht hat. Schliesslich hat auch er schon in der Vorschulzeit auf dem sechsbässigen Örgeli seines Vaters zu spielen angefangen.

Beinahe ein bischen wehmütig erzählt Rees Gwerder vom grossen Nachwuchs und den Jungen, die seine Position langsam einnehmen. Einerseits finde er das gut, und das „Anderseits“, das sagt er nicht... Abtreten ist schwer. Gut findet er, dass möglichst viele Anhänger von volkstümlichen Klängen gegen das „moderne Geschrei“ am Radio und im Fernsehen Front machen. Und hier sind wir beim Thema angelangt, das ihn an seiner Pfeife zügiger ziehen lässt. Natürlich unterstützt er den Verein Schweizerischer Volksmusikfreunde, der sich vor drei Wochen an der Delegiertenversammlung in Sarnen wieder einmal wegen der stiefmütterlichen Behandlung der Volksmusik im Radio beklagt hat.

Die geringe Resonanz im Radio (DRS sendet 3,9% Volkstümliches) schlage sich in den bescheidenen Plattenverkäufen nieder, wie er meint. Es wurmt Rees Gwerder nämlich, dass ihm seine lange Karriere nie eine Goldene eingebracht hat. So einfach wie die „blöde Pop-Chaibe, wo d‘Sebetä amene Mikrophon umeschreiet“, hat es seinesgleichen nicht. Dazu fuchtelt er aufgebracht mit den Händen durch die Luft.

 

Auch nach über sechzig Jahren macht ihm die Ziehharmonika noch viel Spass. Nebst seiner Geburtstagsmelodie spielt er am liebsten die Stücke „Dr Rigitüüfel“, „Hans i de Gartelaube“ und „Dr Geisshimmel“. Wieviele Nummern er über die Jahre gelernt hat, weiss er nicht genau. „Einige sagen, es seien über dreihundert, aber so viele sind es nicht“, sagt er und versteckt sich hinter dem Urteil seiner Bewunderer.

In seiner Heimat, im Muotatal, spielt Rees Gwerder nur selten, obschon gerade ein Grossteil der von ihm arrangierten Tänze aus dieser Region stammen. Warum dem so ist, muss ich zweimal fragen. Er drückt sich irgendwie um die Antwort und meint, dort hinten hätte es genug Schwyzerörgeler. Erstaunt höre ich, dass er mit seinem Begleitörgeler und dem Basszupfer am liebsten im Urnerland und in der Metropole Zürich spielt. Doch, doch gerade in Zürich habe er ganz angefressene Fans.

Bei all den Plattenaufnahmen und Engagements, während derer er nicht selten Nächte durchspielte, hat für den Bauer nie so viel herausgeschaut, dass er die beschwerliche Arbeit auf seinem steilen Gütlein mit dem Musikerberuf hätte tauschen können. Das hätte er auch gar nie gewollt. „S gfiel mer gar ned s‘ganz Johr of dem ome z‘blotere, do“. Die Bedeutung der Volksmusik liegt für Rees Gwerder zwischen Hobby, Plausch und Passion. Das Bauern dagegen hat er immer als seinen Beruf betrachtet.

Genug geredet

Nicht, dass er nicht gesprächig wäre, aber irgendwie langweilt ihn die Fragerei, sind in seiner langen Karriere doch schon so viele Medienmenschen bei Rees Gwerder zu Besuch gewesen. Seine Predigt sei nun fertig, meint er und legt sich eine Spur Schnupftabak in die Daumenmulde. Mehr Wert als auf das Gespräch legt er auf ein Bild von sich. Schon am Telefon, als ich ihn für ein Porträt anfragte, sagte er: „Also guet, wenn wotsch die Foti cho mache?“ Fürs Foto holt  er sein Lieblingsörgeli aus dem Schrank, und schon bald erinnert mich die Szenerie an die Feldschlössli-Werbung.

Zum Schluss frage ich nach Zukunftsplänen oder neuen Projekten. Er winkt ab. Zwar habe ihn die Plattenfirma bestürmt, für seinen 75. Geburtstag einen neuen Tanz zu schreiben, aber dazu habe er gar keine Lust. Zuerst wolle er schauen, ob er es bis dorthin überhaupt schaffe. Doch wer ihn das so sagen hört, weiss jetzt schon, dass der Ländler-König vom Gängigerberg mit einem neuen Tanz aufwarten wird, wenn das Jubiläum fällig ist.

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