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Stur der Urmusig auf der Spur

Berner Zeitung, 14.Dezember 2002 von Tina Uhlmann

 Sein Herz gehört der Schweizer Volksmusik: Der Musikproduzent Cyrill Schläpfer, 43, setzt dem Schwyzerörgeler Rees Gwerder posthum ein  Denkmal. Er legt aber auch die Töne der Punklegende Hertz neu auf, komponiert eine Symphonie für Schiffsirenen und lauscht den Geistern der Stille. Besuch bei einem, der genau hinhört.

 «Este hogar es católico» - «dieses Heim ist katholisch»: eine kleine Notiz mit Madonna im Schaufenster von CSR Records, der Einmann-Plattenfirma von Cyrill Schläpfer. Drinnen ein heiliges Durcheinander - zu Hunderten gestapelte CDs, alte Plakate, die Villiger Rauchwaren anpreisen, flirrende Computer und eine Sammlung Pin-up-Postkarten in der Vitrine - schliesslich ist man hier mitten im Zürcher Rotlichtviertel. Wer zu Besuch kommt, darf auf dem roten Samtsessel Platz nehmen, Schläpfer selbst bevorzugt eine härtere Sitzgelegenheit. Ums Stillsitzen ist es ihm sowieso nicht. «Jetzt haben Sie das Tonband eingeschaltet!», stellt er nervös fest, «das können Sie schon ... ich werde mir dann einfach etwas besser überlegen, was ich sage und keine groben Ausdrücke benutzen.»

 «Du bisch doch en verreckte huere Chotzbrocke!» habe er manchmal gedacht, wenn Rees Gwerder, der berühmte Schwyzerörgeler, ihm jegliche Erklärung verweigerte und er einfach mitspielen musste, mithalten mit dem Star, der in seinem Heimet auf der Gängigerberg Hof hielt und dem Grünschnabel aus Luzern Stunden gab. Schläpfer erinnert sich gut an die erste Begegnung: «Es war gegen Abend, er sass in der halbdunklen Stube, und man sah praktisch nur das Glimmen seiner Brissago. Er zündete das Licht nicht an, als wir da waren, und nach einer kurzen Begrüssung schwieg er. Dann sagte er: Du willst also Schwyzerörgeli lernen? Hast du überhaupt Musikgehör?.»

 Cyrill Schläpfer hat Musikgehör. Er hat das Schwyzerörgeli gelernt und spielt heute selbst an Stubeten auf: «Am liebsten spontan, in Wirtschaften, wo es laut zu und hergeht und man wirklich gut sein muss, um gehört zu werden.» Wenn die Leute zu tanzen beginnen, ist Schläpfer zufrieden mit sich und seinem ehemaligen Lehrer. 1998 ist Rees Gwerder gestorben. Die Öffentlichkeit hat nur wenig Notiz davon genommen, dass der letzte Stegreifler verschwand - einer, der originale Schweizer Volksmusik spielte, auch als nach dem Krieg mit den neuen Fernsehformaten eine Retortenfolklore aufkam, die im Alpenraum von den Dolomiten bis in die Pyrenäen überall und nirgendwo verwurzelt war. «Rees hat da nicht mitgemacht», erinnert sich Schläpfer, «er hat in Kauf genommen, dass er fast dreissig Jahre lang weg war vom Fenster. Er war stur!» Hinter den Brillengläsern des Intellektuellen beginnen die Augen des Abenteurers verwegen zu glitzern, «ja, stur war er. Das muss man wohl sein, um bei sich zu bleiben.»

Ist Cyrill Schläpfer bei sich? «Ich wollte, ich wäre es» sagt er, und stellt sich vor, im hohen Alter so zu rocken, wie er in seiner Jugend rockte. Als Bub spielte Cyrill bei den Tambouren, später war er als Schlagzeuger der Luzerner Szene am Puls der Punk- und Wave-Ära. Und dann ging er in die Staaten, trat 1982 am Berkeley College of Music in Boston unter 700 Schlagzeugern zur Ausbildung an. Sein dortiger Lehrer, ein Schüler von Art Blakey, habe ihn gefragt, ob er die traditionelle Schweizer Trommelkunst beherrsche. Cyrill, der in der Rockszene immer gehört hatte, einen Tambour könne man nicht brauchen, bejahte und erhielt den Rat, genau darauf zu setzen - «auf das Eigene».

Zurück in der Schweiz entdeckte der frisch zum Musikproduzenten ausgebildete Musiker die Verwandschaft des Trommelspiels mit der rhythmisch akzentuierten Spielart des Schwyzerörgeli: «Das klingt ganz ähnlich», sagt er, rollt mit der Zunge Trommelwirbel, traktiert ein imaginäres Örgeli und tappt mit schwerem Schuh den Takt dazu. Keck leuchten die grasgrünen Wollsocken unter den Jeans hervor, und plötzlich wirkt Cyrill Schläpfer wie ein Naturbursche, der sich in den Zürcher «Chreis Cheib» nur verirrt hat.

 Heimisch sein

 Ja, er liebe die Natur, erklärt er, er sei oft mit dem Rucksack in den Bergen unterwegs. Er staune immer wieder, wie jedes Tal seinen eigenen Charakter und seine eigene Musik habe: «Luftlinie nur ein paar Kilometer, tönt es hier schon ganz anders als dort.» Schläpfer, der selbst Appenzeller Wurzeln hat, ist tief ins Herz der Innerschweiz vorgestossen und dort ein Stück weit heimisch geworden.

Dass die originale Schweizer Volksmusik verschwinde, könne er nicht beklagen, meint er, Musik sei immer ein Ausdruck ihrer Zeit. Dass die Landschaft verschwindet, das hingegen ist für ihn eine Katastrophe: «Wo sollen wir denn leben? Auf Parkplätzen? In einem einzigen grossen Shoppingcenter?» Jetzt sieht er trotzig aus. Und traurig. «Das Konservatorium», die vierteilige CD-Box mit Musik, Interviews und anderen O-Tönen von Rees Gwerder ist mehr als ein Denkmal für den Ländlerkönig - es ist der Versuch, etwas «Eigenes» zu bewahren, etwas, das es wert ist, «Heimat» genannt zu werden.

Schläpfer benutzt das heikle Wort nicht, und trotzdem geht es ihm genau darum. Blättert man im Booklet zur CD-Box, einem Fotoalbum mit liebevollen Linernotes, offenbart sich eine bäurische Welt, die wir alle in uns gespeichert haben. Da sitzt Rees knochig und knorrig auf der Bank vor seinem Haus und brummt: «Ich has Konservatorium vom Vater und eifach vom Publikum.» Es ist das Provokative in diesem Satz, das Schläpfer gefällt, die urschweizerische Sturheit des Autodidakten, der nie eine andere Autorität als die Tradition akzeptiert hat.

 Unterwegs sein

 Cyrill Schläpfer ist selber stur. Wenn er über Jahre die Sirenen der Schiffe auf dem Vierwaldstättersee aufnimmt etwa - auf Deck, im Maschinenraum, unter Wasser, vom Ufer her und auf dem Berg, tags, nachts, bei Regen oder Schnee. «Gewaltig ...» Er seufzt tief, stöhnt wie jener Dampfer, der seit 100 Jahren den geschichtsträchtigen See befährt und müde ist. Zig Stunden Tonmaterial sind es, die Schläpfer zu einer vielstimmigen Symphonie verdichtet hat und gern in einer grossen Werft aufführen möchte. Er versinkt in Gedanken.

Und Mexiko? Im Curriculum Vitae führt Schläpfer einen vierjährigen Aufenthalt im Land der Mariachis auf. Doch es waren nicht deren klingende Lieder, die ihn interessiert haben, sondern die polternden Polkas, von denen er gehört hatte - Polkas, wie sie auch in der Schweizer Volksmusik vorkommen und von Auswanderern übers Meer getragen wurden. Weit kam Cyrill Schläpfer mit seinen Nachforschungen vor Ort allerdings nicht. Dafür landete er in einer Geisterstadt im nördlichen Hochland und begegnete der Stille. Jetzt ist er wieder ganz bei der Sache: «Ich lag nachts wach und hörte Pferde durch die verlassenen Strassen galoppieren ... dieser Hall ... und die Stille danach ...»

Wieder hat Schläpfer seine Mikrofone wie Fühler ausgestreckt und die Stille aufgezeichnet. Nicht genug: Später speiste er sie in den Computer eines Erfinders ein, der sie auf eine Sensorenzither lenkte und ihre Impulse dort in Musik übersetzte. «Schauerlich ...» schaudert es Cyrill, und über sein Gesicht huscht Entzücken. Zurzeit arbeitet er an der Überlagerung der beiden Tonspuren. «Aber», lacht er und richtet sich aus der Lümmelposition kerzengerade auf: «Wer hat schon Zeit, sich so was anzuhören?

 Selbstständig sein

 Cyrill Schläpfer ist kein Urschweizer. Er hat eher Luftwurzeln als Wurzeln, aber immerhin Wurzeln. Soeben erschien sein Weihnachtsgeschenk an alle, die mit ihm jung waren: wiederveröffentlichte Stücke der Zürcher Avantgardepunks Hertz, erstmals auf CD. «Und übrigens: mein Film, ÐUR-Musigð, der kommt jetzt auch gerade auf DVD heraus!» Plötzlich besinnt sich der umtriebige Selfmademan auf die Arbeit, die sich um ihn her stapelt. Er schaut auf die Armbanduhr. Die Audienz ist beendet. Draussen ist es dunkel geworden. Auf der regennassen Strasse beziehen die Prostituierten Position. Wenn er guter Dinge ist, gibt Cyrill Schläpfer Besuchern eine Wegzehrung mit, in Form eines Tonträgers natürlich. «SŒGlüüt» zum Beispiel, Kuhglocken für zu Hause. 

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