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Der geborene Vermittler

von Edwin Beeler für 'Solothurner Zeitung' 19. August 1996

 

Cyrill Schläpfer Musikinterpret, -produzent und Filmemacher

Eigentlich ist er ein vergifteter Trommler, ein gelernter Schlagzeuger, ein angefressener Tambour. Er ist aber auch ein eingefleischter Schwyzerörgeli-Kenner und -Spieler. Und um die Aufzählung auch nur annähernd zu vervollständigen, darf ein Hinweis auf das Hackbrett nicht fehlen.

Die Rede ist von Cyrill Schläpfer, Musikproduzent, Musiker und Musik-Filmemacher. Von seiner Vielseitigkeit macht er aber kein Aufhebens, er ist ein Meister des Understatements. Doch daran erkennt man die wahre Begabung: Sie stellt sich nie unter den Scheffel. Komplimente mag er nicht, viele Worte erst recht nicht. Darin gleicht er jenen Musikanten, die er ausserordentlich verehrt: den wortkargen, querstehenden Volksmusikanten vom Muotatal, aus Schwyz und Appenzell.

Keltische Wurzeln

Andere Musikproduzenten sind stolz darauf, wenn es ihnen alle paar Jahre mal gelingt, ein wirklich originelles, musikhistorisch wichtiges Werk zu veröffentlichen. Cyrill Schläpfer hingegen produziert gegenwärtig musikalische Leckerbissen am laufenden Band. Es ist, als ob sich hier einer noch beeilen wolle, eine Musikwelt auf Tonträger zu bannen, die vom Aussterben bedroht ist, weil sie vom kommerziellen, fröhlichen Oberkrainer-Sound verschluckt zu werden droht. Aber vielleicht gelingt es diesem David innerhalb des gigantischen Music-Business, Gegensteuer zu geben, eine kleine, aber verschworene und treue Zuhörerschaft aufzubauen und vor allem auch bei einer jüngeren Generation Begeisterung für die eigenen musikalischen Wurzeln zu wecken.

Schläpfer: ”Wem ist denn noch bewusst, dass unsere einheimische Musik des westlichen Alpenraums, der Innerschweiz mit dem Muotatal im Zentrum, keltischen Ursprungs ist, oder dass die Appenzeller Musik andererseits stark von der Zigeunermusik beeinflusst ist - man denke nur an das Hackbrett!”

Schweizer Volksmusik, wie Cyrill Schläpfer sie zwischen Bisisthal und Seewen, zwischen Urnäsch und Appenzell noch zu Hause direkt bei den unverstärkt spielenden Formationen und musizierenden Familien angetroffen und einer breiten Hörerschaft zugänglich gemacht hat, ist weit entfernt von jener elektronisch stark manipulierten Musik, die vor einem gequältapplaudierenden Publikum für ein glattpoliertes Fernsehbild zurechtgemacht und inszeniert wird. Es ist unverfälscht Ad-hoc-Musik, dort aufgenommen und gefilmt, wo sie entsteht: Zu hause in der Stube, in der Beiz (in erster Linie handelt es sich um Tanzmusik) oder seltener draussen in freier Natur.

Spitzenreiter Rees Gwerder

Cyrill Schläpfer hat allein im vergangenen Jahr sieben Platten herausgegeben. Zwei davon führen die Serie mit Tänzen von Rees Gwerder weiter. Gwerder, der absolute Spitzeninterpret der in ihrer Melancholie fürs Ohr ungewohnten Schwyzerörgeli-Musik, ist Schläpfers Lehrmeister und eigentlicher Hauptdarsteller seines Filmes ”Ur-Musig”.

Weniger bekannt ist ein anderer Interpret, den Schläpfer verlegt: Martin Nauer. Sein Stil scheint weniger herb, klingt verspielter und hintergründig wohl auch etwas schwermütiger. Die CD ”Dr örgelidokter” dürfte bald als Rarität gelten; Nauer interpretiert darauf Tänze der beiden längst verstorbenen, legendären Schwyzerörgeler Joseph Stump und Balz Schmidig.

Wie Rees Gwerder kennt Nauer keine Noten, sondern spielt allein nach Gehör, was er vor Jahrzehnten in der Tradition von Stump und Schmidig gelernt hat. Die ”Tänzli” spielt er nicht stur nach Schema nach, sondern variiert sie und gibt ihnen einen eigenen, unverkennbaren ”Nauer-Touch”. Er führt anschaulich vor, wie Volksmusik überlebt. Sie wird von Generation zu Generation über das Gehör weitergegeben und aus dem Stegreif gespielt.

In diesem Jahr hat Schläpfer seinem eigenen ”SCHWING»Label und seiner Ein-Mann-Plattenfirma CSR bereits vier CD's herausgebracht. Darunter findet sich der dritte Teil der Rees Gwerder-Anthologie. Unter dem Titel ”Tänz usem Geisshimmel” sind Gwerder-Stücke, aufgenommen in den Jahren 1964 bis 1972, zu hören, darunter der berühmte Live-Mitschnitt aus dem Restaurant Rietberg in Zürich. ”Der gebürtige Muotataler Rees Gwerder”, so Schläpfer, ”liess sich erst mit 52 Jahren zu Tonaufnahmen überreden. Inzwischen kann kaum ein anderer Schweizer Volksmusikant eine solch grosse Discographie aufweisen”.

Trio Bürgler: Die Gäuerler-Band

Mit der kürzlich veröffentlichten CD ”Gsiebeti Luft” dürften die Liebhaber des rauhen, tanzbeinigen Illgauer-Stiles auf ihre Rechnung kommen. Sie enthält Aufnahmen aus den Jahren 1971 bis 1984. Die meisten Stücke stammen aus dem Illgau und dem Muotatal. Legendär sind die Aufnahmen des Trios Bürgler. Ohne diese Formation wäre der traditionelle, bis vor kurzem im Casino Schwyz alljährlich im November abgehaltene ”Gäuerler-Abend” kaum denkbar.

”Gäuerlen” nennt man den stürmischen Tanz des Mannes, der sich mit beinahe akrobatischen Einlagen asynkopisch zur Musik bewegt; mit wilden Sprüngen und extremen Drehungen der Gliedermassen bewirbt er sich leidenschaftlich um die begehrte Frau und Tanzpartnerin. Wahrscheinlich spielt nur das Trio Bürgler so perfekt mit dem Feuer dieser Tanzmusik, die ansteckt und ins Bein fährt, dass die Wände zittern, der Boden kracht und die Tischplatten bersten.

Rumänisch-appenzellische Wurzeln

Schläpfers überzeugungsarbeit, die Musiker überhaupt vor Kamera und Mikrofon zu bringen, darf nicht unterschätzt werden. Diese Interpreten lassen sich nicht vereinnahmen, haben Angst vor Stücke-Diebstahl, vor Verfremdung ihrer Musik und einem überbordenden technischen Bild- und Ton-Aufnahme-Apparat. Cyrill Schläpfer ist selber von jenem Urgestein wie seine Interpreten. Väterlicherseits stammt er aus dem Appenzellischen, aufgewachsen ist er in Luzern, sein Grossvater mütterlicherseits ist Rumäne. Ihm ist eine Mischung eigen aus wortkarger Zurückhaltung und rückhaltloser Offenheit, sobald die Vertrauensebene einmal hergestellt ist. Schläpfer muss es im Umgang mit den Musikern verstanden haben, hartnäckig genug zu bleiben, das Eis zu brechen und auf jene intime Ebene vorzustossen, wo spontan gespielte Musik mehr mitzuteilen vermag als ein wortreiches Gespräch. Das Kunststück von Schläpfers Balanceakt ist dabei, dass er bei aller Hartnäckigkeit nie von verletzender Aufdringlichkeit ist, nie in anbiedernde Gemütlichkeit verfällt und als ausgebildeter Toningenieur auch knallhart musikalische Qualität fordert und erhält.

Er ist der Fremde, der respektvoll von aussen kommt, und gleichzeitig ist er der Aussenseiter mit dem Blick eines distanzierten Betrachters, der trotzdem dazugehört und eigentlich immer schon da war. Schläpfer ist gleichzeitig ganz drinnen und draussen, ist Fremder und Einheimischer zugleich, einer der sowohl Musik registriert als auch interpretiert. Vielleicht der geborene Vermittler, ohne sich dem Kommerz auszuliefern, ohne sich einem Publikum anzubiedern, ohne sich von seinen Interpreten abhängig zu machen.

Schweizer Filme unter dem Marktwert

Als Musikproduzent hat Cyrill Schläpfer mehr Selbstbewusstsein und Gewicht denn als Filmemacher. ”Ur-Musig” war zwar ein Publikumserfolg und Sonntags-Matinee-Renner. Das an der Kinokasse eingespielte Geld stand jedoch in keinem Verhältnis zum Aufwand der Filmentstehung. Anders als bei einem Ami-Streifen, dessen Verleiher annähernd ein Monopol besitzen und dadurch die Preis- und Kinopolitik mitbestimmen, kann ein kleiner inländischer Verleiher eines billig hergestellten Schweizer Films keine Forderungen geltend machen. Schläpfer: ”Die Schweizer Filme werden unter ihrem Marktwert verkauft”. Filmproduzent und -autor Schläpfer hat keinen Einfluss auf das Preissplitting zwischen Verleiher, Kinobesitzer und Filmproduzent bzw. Filmautor. Anders der Musikproduzent Schläpfer: Hier ist er es der die Preise festlegt.

Piraterie und Bürokratie

Wie lange er noch als Musikproduzent arbeiten und (über-)leben will, weiss er noch nicht. Bürokram und Administratives erdrücken auch ihn, der in der Schweiz als Selbständigerwerbender mit Kulturarbeit seine Existenz sichert. Hinzu kommt der ewige Kampf mit den Raubkopierern. Sie kümmern sich einen Deut um Urheberrechte. Es gibt Sender, die aus seinen Platten sogar Musikteile klauen und sie zu Signeten für eingene Zwecke zusammenschustern.

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