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Walter Alders rezente Hackbrett-Mischung

von Hans Hürlemann für 'Ostschweiz' vom 27. Dezember 1999

 

Als Fortsetzung seiner 1992 ebenfalls mit Cyrill Schläpfer von CSR-Records produzierten CD mit klassischer und volkstömlicher Musik präsentiert Walter Alder etwas völlig Neues: Hackbrett mit lateinamerikanischen Rhythmen und Jazz, produziert mit zwei Argentiniern und einem Amerikaner.

Das Bild auf der neuen CD täuscht. Es zeigt Walter Alder im braunen Hääss mit schwarzem Gurgelknopf vor einer verwitterten Holzwand mit seinem Hackbrett. Das Ganze ist umrahmt mit Alpenblümlein, Enzian, Edelweiss und so. Ganz so harmlos, wie das Bild vorgibt, ist die Musik aber keineswegs. So ähnlich sah auch die erste Solo-CD Walter Alders aus, die den Titel trägt "Am Appenzeller Hackbrett". Damals verblüffte er die Hörer mit in mehrfachem Playback aufgezeichneten klassischen Solo-Stücken und Eigenkompositionen im volkstümlichen Stil. Der neue Tonträger trägt den Titel "Alder Argentina Appenzell" und nimmt den Hörer mit auf eine schwindelerregende musikalische Reise, mit Ueberraschungen an jeder Haltestelle.

Argentinien und USA

Das erste Stück ist ein wunderbarer Tango von Astor Piazzolla, aber keiner von der klebrigen süssen Sorte, Astor Piazzollas "Adios Nomino" hat mehr zu bieten an Dramatik und musikalischen Einfällen. Zwei Brüder aus Argentinien spielen mit: Hector und Luis Cerávolo. Die beiden stammen aus einer Berufsmusikerfamilie. Ihr Vater war Pianist des Radio Orchesters von Buenos Aires und gab seinen beiden Söhnen seine musikalische Erfahrung mit. Beide durchliefen eine ähnliche klassische Ausbildung am Klavier und später studierte Hector die Perkussionsinstrumente und Luis bildete sich weiter am Schlagzeug und absolvierte zusätzlich eine intensive kaufmännische Ausbildung. Beide haben mit verschiedensten internationalen Orchestern gespielt, darunter auch jenes von Piazzolla. Hector ist schon lange in der Schweiz, trat in der Pepe Lienhard Band auf, wohnt heute in St.Gallen und hat sich vor allem auf den Jazz konzentriert. Bruder Luis ist ein gefragter Schlagzeuger, Studiodrummer und Schlagzeug-Maschinenprogrammierer. Der dritte ist Joel Reiff, der seine Wurzeln in Amerika hat. In New York studierte er den Kontrabass und war anschliessend 15 Jahre lang freischaffender Live-, Studio- und Orchestermusiker. Seit 1981 ist er in der Schweiz, zuerst in der Radio-Studio-Big-Band. Heute ist er Fachleiter und Basslehrer an der Jazzschule St. Gallen und Musikproduzent.

Walter Alders Ideen

Walter Alder ist nicht nur im Appenzellerland bekannt als virtuoser Hackbrettler und als Hackbrettlehrer, der schon unzählige Schülerinnen und Schüler jeden Alters in die Geheimnisse des schönen Instruments eingeführt hat. Er stammt aus der berühmtesten Musikantendynastie des Appenzellerlandes und hat schon seit Bubenzeiten in den verschiedensten Formationen mitgespielt, vor allem aber mit den Alderbuebe. "Ich wollte schon lange wieder einmal etwas vällig Neues machen", sagt er zum neuen Tonträger. Er hatte schon seit vielen Jahren gute Beziehungen zum Jazz und belegte vor einiger Zeit Kurse in Klavier und Harmonielehre an der Jazzschule St.Gallen. Und dort kam der Kontakt zu Hector Cerávolo zustande. Die beiden haben auch die Ideen zur neuen CD zusammengetragen.

Eine brisante Mischung

Es ist durchaus möglich, dass der eine oder andere erschrickt, wenn er hört, dass da ein Appenzeller Musikant sich mit Jazzern zusammentut, die keine Beziehung zu Streichmusik oder ähnlichem haben. Walter Alder hat schon bei früheren Gelegenheiten gezeigt, dass er für interessante Experimente abseits der ausgetrampelten Pfade zu haben ist und dass er bereit ist, dafür auch Risiken in Kauf zu nehmen. "Ich kann mir vorstellen, dass einzelne Stücke auf der neuen CD für ungewohnte Zuhörer etwas wohl modern tönen", sagt er lächelnd.

Neben Eigenkompositionen enthält der Tonträger, der auch als Kassette erhältlich ist, Stücke von George Gershwin, Fats Waller und von brasilianischen Samba- Komponisten. Die Stücke sind überschrieben mit Tango, Funk, Walzer, Samba, Musette, Blues, Foxtrott und Schottisch und enthalten völlig Neues neben wohlbekannten1 Standards wie "Tico Tico" oder dem "Wildcat Blues".
Darunter ist auch ein Stück, das man aus der jiddischen Kletzmer-Tradition kennt und das auch im Zigeuner-Jazz sehr beliebt ist: "Bei mir biste scheen". Das Ganze ist eine brisante Mischung, die niemanden kalt lässt, weil der interessante Versuch zu reden geben wird.

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