Weiterempfehlen

Die Stimme der Vernunft

von Markus Ganz für Neue Zürcher Zeitung, 4. Januar 2003

Hertz ist neu zu entdecken

Zwischen 1977 und 1983 erlebte Zürich sowohl musikalisch wie gesellschaftlich bewegte Jahre. Das Zürcher Quartett Hertz, das in dieser Zeit wirkte, zeigte sich davon wenig beeindruckt. Es setzte sich in seinen Songtexten betont nüchtern mit der Schweiz auseinander, wie dies bis heute keine andere Gruppe getan hat, pries sich in einem als Inserat veröffentlichten Manifest gar provokativ als «Stimme der Vernunft» an. Es war eine wunderliche Band, die der Szene suspekt war und doch respektiert wurde. Ihre lange vergriffenen, grösstenteils von Dominique Grandjean geschriebenen Songs können nun auf der CD-Zusammenstellung «Eine Auswahl» neu entdeckt werden. Es ist eine faszinierende Fundgrube, auch wenn sich darunter kein Klassiker findet wie der von der Vorläufergruppe Taxi stammende Song «Campari Soda».

Während den meisten Bands damals entweder die Galle oder das Herz überlief, dominierten bei Hertz - der Name ist ja kein Zufall - ein technisch-kühler Sound und der nüchterne Blick auf schweizerische Eigentümlichkeiten. Derart setzte das Quartett dem «PTT-Postbeamten» ebenso ein Denkmal wie dem «Gottharddurchstich», derart dachte es ebenso über die «Grünzone» wie über den «Jodel» und die «Berge» nach; unübertroffen, wie lakonisch es in «Willy Ritschard» dessen Werdegang zum Bundesrat erzählte. Die Gruppe betonte zwar, sie wolle «die schweizerische, unsere Wirklichkeit widerspiegeln, ohne zu ironisieren oder kritisch zu durchleuchten», doch frischte sie ihre treffsicheren Texte immer wieder mit einem Spritzer Dadaismus oder einem witzigen Wortspiel auf.

Zur kühl-nüchternen Sichtweise von Hertz passt, dass sie die meisten Texte in Hochdeutsch schrieb. Den «Italo» besang sie allerdings auf Italienisch und «La Suisse» auf Französisch, und gerade in letzterem Song offenbart sich ihre Qualität der poetischen Verdichtung noch heute: «La Suisse la petite au grand esprit, travail maxi, poète mini.» Weniger gut gealtert ist teilweise die Musik. Viele Stücke bestechen zwar noch immer durch ihren schnörkellosen, ausdruckssicheren Charakter, auch wenn Einflüsse wie Kraftwerk oder die Talking Heads durchscheinen. Bei den frühen Songs stören jedoch oft der manieriert spitze Gesang und die Anlehnung an stereotype New-Wave-Muster.

Copyright © CSR Records