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Lakonische Lehrstücke

von Michael Lütscher für Sonntagszeitung, 8.12.2002

Hertz mit treffenden Liedern zur Schweiz erstmals auf CD

«Gottharddurchstich», «Jodel», «Grünzone», «PTT-Postbeamter» und «Willy Ritschard» heissen ein paar Lieder von Hertz, einer der originellsten Popbands, die es je in diesem Land gab.

Lakonisch waren die Texte des Zürcher Quartetts, spröde ihre Musik, knapp ihre Karriere: sechs Jahre, drei Singles, zwei Alben. Dennoch finden sich, abgesehen vielleicht von Mani Matter und Stiller Has, nirgends so viele treffende Sätze über die Schweiz, so viele vertraute Bilder, so viel Witz und so viel Übereinstimmung zwischen Text und Musik wie in den Stücken von Hertz.

«Sammelt und unterteilt / fasst zusammen und verteilt / PTT-Postbeamter, unser Mann am Schalter», heisst es da, und weiter: «Quittiert und unterschreibt / er stempelt Ort und Zeit / Briefe kommen und gehen / er bleibt immer stehen.» Es ist eine poetische Hommage an die Post, die 1978, als dieses Lied entstand, PTT hiess und Metronom der Schweiz war.

«Es ist eben wahnsinnig schwierig, etwas Positives auszusagen, ohne dass man ins Mystifizieren gerät», sagte Dominique Grandjean, der hauptsächliche Songschreiber von Hertz, 1983. Um die nötige Distanz zu schaffen, schrieb Grandjean hochdeutsch, und um Positives ohne Pathos auszudrücken, verzichtete er im Lied über Willy Ritschard auf jedwelche wertende Formulierung er sang einfach den Lebenslauf des legendären SP-Bundesrates herunter: «Geboren 1918, absolviert die Volks- und Bezirksschule, Heizungsmonteur. Mit 25 im Gemeinderat   .   .   .» Das Positive besteht im Lied an sich und im vorwärts treibenden, zum Tanzen animierenden Ska-Beat.
Zuweilen liess Grandjean auch seine Gedanken schweifen. «Frag wer ich bin / träum so wies wär / wenn ich in einer Hütte lebte / am Alpenrand», singt er im «Jodel». Ronnie Amsler drückt mit der Gitarre bange Gefühle aus: die Berge, die Selbstreflexion. Die Spannung löst sich, das Schöne zeigt sich: «Wenn die Sonne sich hinter die Bergkante schiebt / der Rhabarber im Gemüsebeet sich im Winde wiegt / gegen Abend, wenn der Kater die Katze liebt / jodolohi, jodoloho.»

Grandjean, Amsler und der Bassist Martin Walder, der Kern der Gruppe, waren alle schon über 30, als sie sich 1978 zu Hertz zusammenschlossen. In diesem Alter fange man an, «sich mit sich selbst auseinander zu setzen», sagt Grandjean heute. Besonders deutlich wird dies im «Bettler», einem analytischen, fatalistischen Stück übers Leben: «Und wir nagen wie die Mäuse an den alten Resten / Zukunft längst vergessen.»

1984 war die Zukunft aus; Hertz trennten sich. «Nach der Auflösung haben drei von uns sofort geheiratet», erzählt Grandjean, von Beruf Psychiater. «Inzwischen sind zwei wieder geschieden. Darum habe ich das Gefühl, dass es bald wieder weiter gehen könnte.»

CD: Hertz, «Eine Auswahl», CSR

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