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Alois Gwerder

Der Jäger des Wortschatzes

von Lisa Inglin für Schweizer Familie 17. November 2009

Der Muotataler Dialekt ist eine besonders markige Schweizer Mundart. Der pensionierte Kaplan Alois Gwerder kennt ihn wie kein anderer und tut alles dafür, um ihn zu bewahren.

Alois Gwerders Zimmer im Altersheim Buobenmatt in Muotathal SZ bietet kaum eine freie zusammenhängende Fläche. Überall stapeln sich Bücher, Zettel, Hefte. Die Regale sind voll von Lexika, Ordnern und Karteien. «Ich cha nüd ruumä - ich wott das Züüg hiä ha», sagt der Kaplan im Ruhestand. Das Züüg - das sind seine Wörter. Wörter in Wörterbüchern, in Chroniken, Wörter in Zettelkästen, im Computer. 8000 Dialektwörter aus dem Muotatal hat er im Verlauf seines Lebens gesammelt und unter dem Titel «Flätt - hüntsch - sauft» als Wörterbuch veröffentlicht. Unter dem gleichen Titel erschien jetzt auch ein Hörbuch.

Auf Hochdeutsch würde «flätt -hüntsch - sauft» «ganz - sehr - mindestens» heissen. Das tönt banal. Die knorrige Eigenheit kommt im Dialekt eben besser zum Ausdruck.

Der Muotataler Dialekt ist eine raue, direkte Sprache. Die Sprachmelodie, die typischen Wörter, die alpinen Lautungen und Betonungen «heimälä» jeden an, der aus dieser Gegend kommt. Denn die Muttersprache berührt die Seele, macht einen Teil der Identität aus und charakterisiert die Mentalität der Menschen im Tal.

Das wurde Alois Gwerder erst bewusst, als er in der Fremde war. Zuerst als Schüler im Kollegium Stans, dann als Theologiestudent in Rom, später als Priester in den Kantonen Zürich und Graubünden. Mehr als vierzig Jahre lebte er ausserhalb des Tals, bevor er 1983 als Kaplan ins Ried bei Muotathal kam. Nein, er habe kein Heimweh gehabt, es habe ihm in der Fremde gefallen, sagt er. Der Klang der Heimat blieb jedoch in seinem Ohr und in seinem Herzen. Schon in Rom begann er, einen Zettelkasten mit typischen Muotataler Wörtern anzulegen. «Wo isch ez de Chog?», fragt er und sucht in seinen Ablagen nach dem Ur-Zettelkasten.

Das Englische stört ihn nicht mehr

Er findet ihn nicht, dafür einen anderen mit der Aufschrift «Modewörter». Darin notiert er neudeutsche und englische Ausdrücke wie «Lounge», die auch ins Muotatal schwappen. Ärgern ihn diese Wörter? «Nümmä», antwortet der Kaplan. Den Jungen gefalle jetzt halt das Englische. Im Ried vorn gebe es eine bekannte Höhle, das «Laui-Loch». Danach haben einige junge Muotataler eine Musikgruppe benannt: «Avalanche Hole Music».

Der Kaplan ist ein leutseliger Geistlicher. Im Muotatal ist es Brauch, dass man «ä Längi ploderet», wenn man sich auf der Strasse begegnet. Bei einer solchen Begegnung habe ihn ein Bauer vom Hinteren Oberberg einmal mit einer wahrhaft philosophischen Frage konfrontiert. «Öbs etz wahr siig, ass nümmä alles wahr siig?», wollte er wissen. Der Kaplan musste eine Weile überlegen, bis er eine Antwort fand.

Und wie erklärt er die Abwehr der Einheimischen gegen fast alles, das von ausserhalb des Tales kommt? «Das Muotatal war lange Zeit ein abgeschlossenes Tal - und ganz arm», antwortet er. «Miär hent nüd uusä gseh - aber disi hent gottlob au nüd chönnä inäluegä.» Bis heute haben alte Körperschaften wie die Genossame eine grosse Bedeutung. Erst vor zwanzig Jahren wurde die Kirchgemeinde offiziell von der Einwohnergemeinde getrennt. Vorher hatte die Gemeindeversammlung in der Kirche stattgefunden. «Dr Vorschtand isch uff dr Kanzlä obä gschtandä», erzählt der Kaplan. Wegen der traditionellen Strukturen hatten Neuerungen immer schon einen schweren Stand. Das geht bis auf die Franzosenzeit zurück.

Dialektworte gegen die Obrigkeit

Während der russische General Suworow, der 1799 mit seiner Armee durch Tal zog, bis heute in hohem Ansehen steht, hatte man für die Franzosen und ihre neue Staatsordnung nur Hohn und Spott übrig. «Äfära und änzna» heisst ein alter Dialektausdruck aus dieser Zeit. Gemeint ist: obrigkeitliche Vorgaben nachäffen und verhunzen.

Witz, Schlagfertigkeit, nach Möglichkeit das letzte Wort behalten - darin sind die Muotataler stark. Mit diesem Mittel wehren sie sich gegen allfällige Herablassung von aussen. Denn die gab es auch. So mokierte man sich früher in Schwyz über den Kinderreichtum der Talleute mit dem Spruch: «Diä Muotitaler Hünd hennt jedes Jahr äs Chind.» Stimmte das denn mit dem jährlichen Kind? «Ja, sauft», antwortet der Kaplan und lächelt verschmitzt. Im Muotataler Dialekt würde man sagen: Er het gschalket gluegt.

Eine andere Eigenheit des Muotatals sind die Übernamen. Manche leiten sich von Vornamen ab, etwa z Jakä (von Jakob) oder z Jöris (von Georg) oder z Länzä (von Lorenz). Andere von Berufen oder Gewohnheiten, etwa z Hebammes oder z Predigers. Der älteste Übername, für den Gwerder einen schriftlichen Beleg fand, sind z Schnäpfä. Er geht bis ins 16. Jahrhundert zurück und ist vom Vogel Schnäpf abgeleitet. Vermutlich wegen des markanten Profils seiner Träger.

Mit der Zeit waren weitere Differenzierungen nötig, und so heisst heute ein Nachfahre dieser Familie «zSchnäpfä Martis Schuenis Thommes». Der Gemeindeschreiber notierte diese Übernamen sogar in die Amtspapiere - damit er bei all den Gwerders, Betscharts, Schelberts und Suters den Überblick behielt.

Alois Gwerders Familie wird im Tal «z Pfandweibels» genannt, weil ein Vorfahre als Schuldeneintreiber geamtet hat. Sie waren vierzehn Kinder zu Hause, sieben Buben und sieben Mädchen. Der Vater war Posthalter, und Alois musste oft Briefe in abgelegene Höfe bringen. So lernte er das Tal von vorne bis hinten kennen und begann sich für die oft «gschpässigen» Namen der Liegenschaften zu interessieren.

«Das Gedächtnis des Muotatals»

Als er 1983 ins Tal zurückkam, ging er den Hof- und Flurnamen systematisch nach. Im Pfarrarchiv durchforstete er die Tauf-, Ehe- und Totenbücher, die bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen, und sah die alten Gülten (Schuldbriefe) durch. So konnte er die Liegenschafts- und die Familiengeschichten miteinander verknüpfen.

Zwölf heimatkundliche Bücher hat Alois Gwerder über das Muotatal verfasst. Es heisst, er sei das Gedächtnis des Tals. Zu seinem Erinnerungsschatz gehört ein riesiger Vorrat an Anekdoten. Diese kommen nur richtig zur Geltung, wenn er sie wie auf dem Hörbuch mündlich zum Besten gibt. Denn nach Muotataler Art erzählt er knapp und trocken und lässt die Pointen ganz unvermittelt fallen. In der gesprochenen Sprache spiegelt sich die Mentalität der Muotataler. Eine knarzige Art mit einem humorigen Kern.

Das Hörbuch zu realisieren war sein letzter Wunsch. Aber jetzt hat er noch ein Projekt: «Flätt - hüntsch - sauft umgekehrt». Das wäre ein schriftdeutsches Wörterverzeichnis mit entsprechenden Dialektausdrücken dazu.

Eine Kopie davon will er den Schulen und dem Theaterverein geben. Damit die Darsteller im berühmten Muotataler Volkstheater auch in Zukunft nicht «warten» sagen, sondern «baitä» und nicht «immer», sondern «eischter». So, wie das im Muotatal Brauch ist.

 

Hörbuch

Auf der Doppel-CD «flätt - hüntsch - sauft», produziert vom Musiker und Filmer Cyrill
Schläpfer, erklärt Alois Gwerder Schwyzer-tüütschi Dialektwörter und erzählt Anekdoten aus dem Muotatal. Walter Schelbert spielt dazu typische Schwyzerörgelistücke.

 

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