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Der Zweifler und die Dampfschiffe

Von Benedikt Sartorius für den Bund, 19. Februar 2008

Cyrill Schläpfer widmet seine filmische Dampfschiffsinfonie Herman Melvilles «Moby Dick»

«Nicht die Bilder sind wichtig, die Komposition zählt.» Cyrill Schläpfer äusserte diese Worte vor der Projektion seiner Dampfschiffsinfonie «Die Waldstätte» an den diesjährigen Solothurner Filmtagen. Während die schnaubenden Schiffssirenen die Tonanlage strapazierten, verwandelte sich in Schläpfers bewegten Fotografien der Vierwaldstättersee, diese eidgenössische Ursuppe, in ein unergründliches, unheimliches Meer. Mittendrin: die fünf Dampfschiffe der Vierwaldstättersee-Schiffsflotte.

Cyrill Schläpfers Dampschiff-Projekt begann mit einer simplen Idee. Den Luzerner faszinierte das spontane und inoffizielle Hupkonzert, das die Schiffe am letzten Kurstag der Saison veranstalten. Dieses «Ding» auf Tonband zu bannen, so Schläpfer in seinem Büro in Zürich, klappte aber nie. «Einmal waren die Windverhältnisse unglücklich, ein andermal wurde es ganz abgesagt. Es war eine riesige Enttäuschung für mich.» So begann er, einzelne Elemente aufzunehmen: das Gleiten über das Wasser, die Schiffshörner und -glocken. Schläpfer fuhr auf Testfahrten mit und stieg schliesslich auch in die Maschinenräume der Dampfschiffe. «Von da an war es um mich geschehen.» Irgendetwas Unheimliches wohne diesen Schiffen, diesen Tönen inne, «obwohl das nur Materie ist», sagt Schläpfer. Er habe aber das Gefühl, dass die Dampfschiffe wie alte Instrumente, wie alte Häuser seien. «Diese laden sich auch auf wie eine menschliche Seele. Aber das kann man nicht erzählen, das kann man nur spüren, denken oder vermuten.»

Verbissen an der Arbeit

Das Material wuchs stetig an, eine abgerundete Form wurde unmöglich. «Ähnliche Probleme haben auch dicke Bücher», sagt Schläpfer. Er wäre froh gewesen, wenn das Werk kürzer und kompakter ausgefallen wäre, «aber es ist nun mal so, es hat so sein müssen». «Die Waldstätte», unlängst auf seinem eigenen Label CSR-Records erschienen, zählt nun vier Kapitel. Neben dem Herzstück, der 70-minütigen Sinfonie, legt Schläpfer auch ein Lexikon vor, das die isolierten Klänge der einzelnen Schiffe präsentiert. «Ich dachte mir, hier könnte ich dank den Dampfschiff-Fans auch ein bisschen Geld hereinholen. Aber das traf nicht zu.»

Cyrill Schläpfer erscheint im Gespräch als unheimlicher und unruhiger Zweifler. Optimistisch zeigt sich der studierte Schlagzeuger und Wiederherausgeber von Taxis epochalem Lied «Campari Soda» kaum. Zu entbehrungsreich war der Abschluss der elfjährigen Arbeit an seinem «Unding», wie er die «Waldstätte» selber nennt: «Ich bin jahrelang verbissen an diesem Monster gehangen und habe mich selber auch verflucht. Ich kam mir vor wie Ernest Hemingways Figur in ,Der alte Mann und das Meer‘, die meint, einen schweren Fisch an der Angel zu haben, letztendlich aber nur ein abgenagtes Skelett aus der See zieht.» Denn das letzte Jahr sei für ihn «widerlich» gewesen.

Bilder als Einstieg

Trost spendete Schläpfer in der letzten Schaffensphase Herman Melvilles Roman «Moby Dick». «Dieser gab mir den Mut, an etwas zu bleiben, was Wahnsinn ist.» Die ewige Jagd des Kapitän Ahab nach dem unergründlichen weissen Wal und die rätselhafte Magie, die von dem Buch ausgeht, gaben dem 49-Jährigen den letzten Schub und bestimmten auch den Aufbau seiner Sinfonie. Eine latente Bedrohlichkeit geht von der Musique Concrète aus, die ihren Höhepunkt im hydraulischen Ballett des Maschinenraums findet, ehe die vielspurige Komposition wieder in ruhigere Gewässer findet.

Schläpfer bezeichnet sich als «Musiker mit zu vielen Interessen, der nirgendwo richtig gut ist». Während der Arbeit an seinem pionierhaften Musikfilm «UR-Musig» suchte er den Schwyzerörgeli-Stegreifspieler Rees Gwerder auf. Gwerder, der «Granit-Monolith der Schweizer Volksmusik», lehrte ihn das Instrument. Wenn Schläpfer mit seinem Trio Vierschröt auf der Bühne das Schwyzerörgeli konzentriert dehnt, dann ist die Volksmusik kein neumodisches Accessoire, sondern besticht durch Sturheit, ohne jegliche Ironie.

Sein Traum sei, die Dampfschiffsinfonie in der Werft aufzuführen, in dem Moment, wenn ein Dampfer frisch in Revision geht und noch tropft. Das aufgebockte Schiff – «der Solist, quasi die erste Geige» – diente als Resonanzkörper für die tiefen Frequenzen und der Konzertbesucher befände sich mitten in den «Arterien des Wals».

Die Bilder zur Dampfschiffsinfonie stellte Schläpfer eher widerwillig her, aus Angst vor dem dominanten illustrativen Charakter, der den Ton in den Hintergrund rückt. Statt zu filmen – «das kam für mich nicht in Frage» – schwenkt, überblendet und zoomt Schläpfer die virtuelle Kamera eines Bild-Editor-Programms über seine zahllosen Fotografien der Dampschiffe und des Vierwaldstättersees. «Vielleicht», so Cyrill Schläpfers Hoffnung, «können die Bilder als Einstieg in meine Komposition dienen. Vielleicht nicht.»

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