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Musikalisch Dampf ablassen

Interview von Pirmin Bossard für Neue Luzerner Zeitung, 13. September 2006

Cyrill Schläpfer («UR-Musig») setzt sich für authentische Schweizer Volkskultur ein.

Sein aktuelles Projekt gilt Schiffs- und Naturgeräuschen vom Vierwaldstättersee.

Eine Symphonie mit lauter gesammelten Geräuschen: Der Luzerner Musiker Cyrill Schläpfer hat den Klangraum des Vierwaldstättersees erforscht und ein Stück Musik daraus gemacht.

Cyrill Schläpfer, Sie haben für die elektro-akustische Dampfschiff-Symphonie «Die Waldstätte» sämtliche Klänge selber aufgenommen: Wie kam es zu dieser Idee?

Cyrill Schläpfer: Auf ihrer letzten Fahrt im Herbst, bevor die Dampfschiffe in der Werft in den Winterschlaf gehen, lassen sie jeweils im Luzerner Seebecken lautstark Dampf ab und geben ein inoffizielles Hornkonzert. Das wollte ich schon 1996 akustisch einfangen. Aber es klappte damals nicht. Aber seitdem hat es mich immer tiefer in die Klangwelt der Dampfschiffe und des Sees hineingezogen.

Wie sind Sie jetzt vorgegangen?

Schläpfer: Ich habe über 10 Jahre hinweg nur Aufnahmen von Dampfschiffen, von Wind und Wetter und von den Geräuschen des Sees gemacht, auch unter Wasser. Das war teilweise sehr aufwändig: Wenn beispielsweise ein Dampfschiff ablegt, ist das von den Geräuschen her ein komplexes Zusammenspiel von verschiedensten Quellen. In speziellen Fällen musste ich bis zu 15 Mikrofone einsetzen, um diesem enormen Klangspiel gerecht zu werden.

Und daraus haben Sie ein zusammenhängendes Musikstück kreiert?

Schläpfer: Ich habe die Geräusche im Tonstudio bearbeitet, indem ich sie teilweise extrem verlangsamt habe. Mit dem Modulieren und Dehnen der Frequenzen habe ich den musikalischen Ausdruck dieser Geräusche entdeckt. Am Ende hatte ich ein ganzes Instrumentarium zur Verfügung. So habe ich die Komposition begonnen. Ich wollte nicht einfach Gag an Gag reihen, sondern eine musikalische Form finden, die etwas aussagt. Ich habe vier Jahre im Studio daran gearbeitet. Es ist eine sehr einsame Arbeit, man wird ein wenig zum Spinner. Es gab Teile in der Komposition, da brauchte ich für eine Sekunde Musik zwei bis drei Tage, bis klanglich alles stimmte.

Sie sind ausgebildeter Schlagzeuger und spielen auch Schwyzerörgeli. Was war der Reiz, mit Geräuschen zu komponieren?

Schläpfer: In der Musik, die ich spiele gibt es eine Tradition und bestimmte Formen. Hier war ich total frei, es gab keine Regeln. Das heisst aber nicht, dass man alles in einen Topf werfen und darin herumrühren kann. Du musst auswählen, dosieren. Es mag esoterisch klingen: Aber ich habe auch hingehört, was die Schiffe mir selber sagten. Ich habe mit ihnen zusammengearbeitet.

Wird das Publikum, das einfach unbefangen hinhört, aber kein Orchester sieht, mit diesem Konzert etwas anfangen können?

Schläpfer: Das frage ich mich auch. Deshalb muss ich das Werk unbedingt als Konzert aufführen, am liebsten als Installation in der Werft, zusammen mit einem Dampfschiff. Bei der Arbeit im Tonstudio hat man keine Resonanz. Und ohne Resonanz des Publikums ist man kein Musiker.

Brauchen Sie ihr Vierwaldstättersee-Klangarchiv nur für die Symphonie?

Schläpfer: Nein, die Symphonie ist eines von vier Kapiteln, die als CD-Box diesen Oktober veröffentlicht wird. «An Bord ­ an Ufer» zeichnet ein naturalistisches Porträt des Vierwaldstättersees. Auf «Die 5 Schiffe» werden alle Dampfschiffe bis in die tiefsten Nuancen ihrer Klangkörper zerlegt. Die vierte CD «Lexikon» wird ein akustisches Lexikon sein mit einem Index von 99 spezifischen Dampfschiffgeräuschen.

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