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Ur-Musig

von Franz Ulrich für 'Zoom' 09/93

 

Volksmusiksendungen im "Bluemete Trögli"-Stil oder Sepp Trütschs TV-"Musik-Plausch" oder gar den "Musikanten-Stadel" im Ohr, könnte einen bei der Ankündigung eines fast zweistündigen Films mit Schweizer Volksmusik das nackte Grausen packen. Die Schunkelei in Dreiklang-Seligkeit, die unendliche Repetition einiger Dur-Tonleitern, die vielen nach Schema F aufspielenden "Hudigäggeler"-Formationen, der unsägliche Euro-Einheitsbrei des "volkstümlichen Schlagers" mit Oberkrainer-Zillertaler-Karawanken-Sound haben jedem an unverfälschter Volksmusik Interessenten längst den Verleider gemacht. Diese kommerzialisierte, durch die Medien geschleuste Musik ist ihrer regionalen und kulturell unterschiedlichen Herkunft längst entfremdet. Von solcher U-Musik Frustrierte sollten sich jedoch nicht abhalten lassen, sich Cyrill Schläpfers "Ur-Musig" bei Gelegenheit zu Gemüte zu führen. Der Dokumentarfilm dürfte ihnen Ohren und Augen öffnen. Wenn die Aufführung des Films noch etwas auf sich warten lässt, kann man sich mit dem Soundtrack auf Doppel-CD (CSR Records) in die in mancher Beziehung ungewohnt wirkende Klangwelt hineinhören.

Cyrill Schläpfer hat seine Reise durch die archaischen (Klang-)Landschaften der Inner- und Ostschweiz "mit Respekt den traditionellen Musikern, den naturverbundenen Berglern und den sturen, querstehenden Grinden aus dem Appenzell, dem Muotatal und der Innerschweiz gewidmet". Solch einen "sturen, querstehenden Grind" besitzt wohl auch Schläpfer, der in mehrjähriger, hartnäckiger Arbeit 80 Stunden Tonmaterial und 16 Stunden belichteten Film über eine authentisch gepflegte und an ihren Ursprungsorten noch immer vitale Volksmusik zusammengetragen hat. Sein Film könnte für die Auseinandersetzung mit der musikalischen Folklore eine vergleichbare Signalwirkung haben wie Kurt Martis 1967 erschienener Lyrikband "rosa loui. vierzg gedicht ir bärner umgangsschprach" für die Mundartlyrik oder Mani Matters Lieder für das Deutschschweizer Chanson.

Der aus dem Appenzell stammende, 1959 in Luzern geborene und aufgewachsene Cyrill Schläpfer soll seine ganze Jugend am Schlagzeug verklopft haben, lernte Hackbrett, gründete die Reggae-Band "X-Legs", war Schlagzeuger mehrerer Rock- und Pop-Gruppen. 1980 machte er einen halbjährigen Sprachaufenthalt an der US-Westküste, dann ging's nach Mexiko hinunter- "die vielleicht beste Zeit meines Lebens" - (in einem Porträt Schläpfers in der du Juli-Nummer, die mit ihrem Thema "Der Sound des Alpenraums. Die neue Volksmusik" eine hervorragende, umfassende Einführung zu "Ur-Musig" bietet). Später kehrte er in die USA zurück und studierte am Berklee College of Music in Boston. 1985 wieder zurück in der Schweiz, wurde er Produzent beim Plattenkonzern EMI. Diesen Job gab er 1989 auf ("I de Musikinduschtrie söttisch ned schaffe, wenn d Musig gärn hesch") und gründete eine eigene Musikproduktionsfirma. Auf seinem Label CSR Records erschienen inzwischen vielbeachtete CD's mit authentischer Volksmusik, darunter "Am alte Silveschter z'Urnäsch. Zäuerli aus Appenzell A. Rh." Und "Urchig wie duezmal" mit dem Muotataler Schwyzerörgeli-Guru Rees Gwerder, bei dem der Regisseur Unterricht nimmt.

Aber Cyrill Schläpfer hat sich nicht eingleisig auf die traditionelle Volksmusik festgelegt, denn zum Programm von CSR gehört auch der Sampler "Best of Swiss Rock Ballads" mit 16 der erfolgreichsten Rock-Balladen aus den vergangenen zwei Jahrzehnten. Und Schläpfer arbeitet mit der Schauspielerin, Sängerin und Jodlerin Christine Lauterburg an einem Projekt, bei dem mit traditionellen und neukomponierten Melodien experimentiert wird. Schläpfers Produktionen zeichnen sich neben ihrer Originalität durch höchsten technischen Standard aus. "Ur-Musig" ist vermutlich der erste volldigitalisierte Dolby-Stereo-Film der Schweiz.

"Ur-Musig" leistet eine Art musikalische Denkmalpflege im besten Sinn. Die Musik, die hier zu Gehör gebracht wird, stammt nicht von Tonkonserven, nicht aus dem Klangmuseum und auch nicht aus Radio- oder Fernsehstudios, und mit Kursaalfolklore hat sie schon gar nichts zu tun. Die Musik wurde dort aufgenommen, wo sie noch in lebendigem Zusammenhang steht mit den Werk- und Feiertagen, mit der bäuerlichen Welt und ihren Landschaften. Was der seit 1966 am Centre National de Recherches Scientifiques (CNRS) am Musée de l'Homme in Paris arbeitende Musikethnologe Hugo Zemp mit der in den achtziger Jahren erschienenen Schallplatte "Jüüzli. Jodel du Muotatal" (in der gleichen Collection des Musée de l'Homme veröffentlicht wie die Musik so "exotischer" Völker wie der afrikanischen Dan oder von den Salomon-Inseln) dokumentierte, leistet Schläpfer vergleichbar mit seinem Film. Zwar verfügen auch andere Landesgegenden, etwas Freiburg, das Wallis oder das Bündnerland, über eine eigene Volksmusiktradition, doch hat sich Schläpfer auf die ihm von seiner Herkunft naheliegenden Regionen des Appenzell und der Kantone Schwyz, Uri und Luzern konzentriert.

Indem er die Musikantinnen und Musikanten in ihrer Alltagsumgebung aufsuchte, in der Landschaft, in der sie leben, arbeiten und festen, gelingt es Schläpfer, die Wurzeln und die Identität dieser Musik freizulegen. Sie steht in engem Zusammenhang mit dem Brauchtum (Sylvester in Urnäsch, "Chilbi" in der Innerschweiz) und der Arbeit und Freizeit der Bergler. Die "Jüüzli" (die etwas ganz anderes sind als die vom Eidgenössischen Jodlerverein sanktionierten Jodelgesänge), Betrufe, Alpsegen und Lockrufe für Gross- und Kleinvieh haben eine in der alpenländischen Hirtenwelt tief verankerte Funktion. Sie begleiten die Arbeit mit dem Vieh, sind Lebenszeichen und Signale aus der Abgeschiedenheit weitauseinander liegender Alpen. Sie entsprangen der Lust, die eigene Stimme oder Instrumente wie Büchel, das Örgeli und andere Klangkörper kreativ zu betätigen. Für manche, die nicht mit diesen Klängen im Ohr aufgewachsen sind, tönen sie vielleicht "heebsch", wie ein Muotataler sagen würde. Das klingt machmal so fremdartig wie der Kehlkopfgesang der Mongolen in Ulrike Ottingers Ethno- Dokument "Taiga" (ZOOM 8/93).

Unterstützt von so renommierten Kameraleuten wie Pio Corradi und Jürg Hassler, hat Cyrill Schläpfer eindrückliche, ja atemberaubende Landschaftsbilder von seltener Schönheit aus den verschiedenen Jahreszeiten aufgenommen, die nicht einfach den Hintergrund zur Musik bilden, sondern gleichwertig die Verwachsenheit der musikalischen Ausdrucksformen mit ihrer Umgebung zeigen. Wenn der Älpler ins Tal hinunter jauchzt, klingen die Berghänge mit ihrem Echo mit. Respekt, sogar Ehrfurcht vor der archaischen Bergwelt und ihrer Bewohner prägt diesen Film, was aber keineswegs heisst, dass aller Spass draussen bleiben muss. Manche Szenen sind zu heiter-ironischen Glanzstücken montiert und bilden Kontrapunkte zu den feierlichen - und allzu oft repetierten - Alpsegen.

"Ur-Musig" macht auf eindrückliche Weise authentische, urtümliche Volksmusik visuell und akustisch erlebbar. Dazu bedarf es weder eines Kommentars noch erklärender Untertitel. Damit gehört Schläpfers Film in eine Reihe von Schweizer Dokumentarfilmen, die sich ebenfalls jeden Kommentars enthalten wie Reni Mertens und Walter Martis "Requiem" (ZOOM, 9/92) oder Jean-Blaise Junods "Pélerinage", der zwei verschiedene Wege zum Spirituellen, die sinnenhafte Wallfahrt andalusischer Zigeuner und die asketische Liturgie eines Zisterzienserinnen-Klosters, konfrontiert. Unvoreingenommen, aber mit umso mehr Neugier, Wissbegierde und Sorgfalt zeigen die Autoren dieser Werke phänomenologisch eine Realität, die zum Erlebnis werden soll, im vollen Vertrauen auf die Mündigkeit und Sensibilität der Zuschauerinnen und Zuschauer.

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